Enosis gegen Taksim
Seit der Eroberung Zyperns durch die Osmanen in den Jahren 1570/71 war die christliche Bevölkerung stets in der Mehrheit gewesen. Um diese Tatsache aufzubrechen und um einen Status Quo zu schaffen wurde bereits 1572 veranlasst, dass 20.000 muslimische Türken aus Anatolien nach Zypern umgesiedelt wurden. Dennoch lebten im Jahr 1832 in 462 Dörfern ca. 43% Christen und 20% Muslime. In 37% der Dörfer wohnten beide Gruppen zusammen. Im Jahr ihrer Unabhängigkeit 1960 lebten auf Zypern 82% griechische Zyprioten und 18% türkische Zyprioten.
Auf Zypern, das seit 1882 britischen Koloniestatus hatte und ab 1925 offiziell als Kolonie unter britischer Aufsicht stand, entwickelten sich ab den 1930er Jahren antikoloniale Bewegungen gegen die britische Herrschaft. Die Besonderheit bei Zypern im Vergleich zu anderen Ländern, die in kolonialer Abhängigkeit standen und auf Unabhängigkeit drängten, lag darin, dass griechische und türkische Zyprioten von Anfang an nicht gemeinsam gegen die Briten für ihre gemeinsame Souveränität gekämpft hatten. Jede Ethnie hatte ihren eigenen Weg für die Zukunft. Die Griechen begannen ihren Unabhängigkeitskampf 1955 durch die militärische Geheimorganisation EOKA – Nationale Organisation der griechischen Kämpfer. Die griechischen Zyprioten wurden durch Georgios Grivas und den Erzbischoff Makarios angeführt und richteten ihre Maßnahmen zwar überwiegend gegen die britischen „Besatzer“, parallel wurden aber auch türkische Zyprioten angegriffen. Das Ziel war die britische Kolonialherrschaft abzuwenden und dann die Enosis – die Vereinigung Zyperns mit dem griechischen Staat – durchzuführen. Dies war für die Zyperntürken keine erstrebenswerte Option. Sie wollten auf keinen Fall unter griechische Herrschaft fallen und propagierten daher ihr Gegenmodell Taksim – nämlich die Teilung der Insel in einen griechischen und einen türkischen Teil.
Dabei hatten diese beiden Gruppen, trotz unterschiedlicher Religion, Mentalität, Kultur und wirtschaftlicher Stärke, lange Zeit fast symbioseartig koexistiert. Das Zusammenleben war natürlich geprägt von dem Erhalt der jeweiligen Ethnie, so kam es nur sehr selten zu Vermischungen von griechischen und türkischen Zyprioten. Aber erst durch das Entstehen der Nationalstaaten der beiden „Mutterländer“ Griechenland (1830) und Türkei (1923), fiel der nationalistische Schatten auf die Insel Zypern.
Die Enosis entstand zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Prämisse, die britische Kolonialherrschaft abzuschaffen, aber in zweiter Instanz auch in Anlehnung an den europäischen bzw. griechischen Nationalismus.
Ab 1953 entwickelte sich in der Türkei eine nationalistische Gegenbewegung zu der griechischen Idee der Enosis. Das Komitee Kibris Türktür Cemiyeti – die Vereinigung Zypern ist türkisch – war eine türkisch nationalistische Bewegung, die von dem türkischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes unterstützt wurde. Nach ihrer Vereinigung mit der Nationalen Föderation der türkischen Studenten im August 1954 begannen sie innerhalb der Türkei mit ihrer Arbeit. Diese bestand darin, antigriechische Stimmungen zu schaffen und Erklärungen zu propagieren, warum Zypern eine türkische Insel sei und somit auch unter türkische Verwaltung gestellt werden müsse. Um diese Botschaft zu unterstreichen, wurden Plakate gedruckt und landesweit aufgehängt, die diese Botschaften transportieren sollten.
Als es im September 1955 zu den antigriechischen Ausschreitungen in Istanbul und Izmir kam, stand dieses Pogrom ganz im Zeichen der Solidarisierung mit den türkischen Zyprioten, weshalb die Ausführer der Pogrome bei ihren Angriffen auch den Ausspruch Zypern ist türkisch auf den Lippen trugen.
Als Zypern 1960 aus der kolonialen Herrschaft entlassen wurde, war in den Verträgen von Zürich und London festgelegt worden, dass der Inselstaat als souveräne Republik weiterbestehen sollte. Um die Enosis und Taksim Bewegungen zu kontrollieren und ggf. unterdrücken zu können, waren Großbritannien, die Türkei und Griechenland als Garantiemächte eingesetzt worden. Doch der gemeinsame Staat war unter Voraussetzungen geschaffen worden, die schon bald zu Problemen unter den Inselbewohner führten. Denn die Verfassung von 1960 gewährte der bevölkerungsschwächeren Gruppe der Zyperntürken mehr Rechte, als es ihre Bevölkerungszahl theoretisch erlaubt hätte. Neben dem Anteil von 30% der Sitze in den Bereichen Politik und Staatsverwaltung kamen 40% Anteil an den Sektoren der Armee und Polizei. Das Paradoxon welches sich daraus ergab und das die Politik in Zypern entscheidend hemmte zeigt sich in dem Folgenden. Im zypriotischen Parlament waren die Griechen mit 35 Sitzen vertreten und die Türken mit 15. Wenn nur die Hälfte der türkischen Abgeordneten ihr Veto gegen einen Gesetzesvorschlag einbrachte, so konnten alle griechischen und die restlichen türkischen Abgeordneten diese Entscheidung nicht mehr abwenden. In der Tradition des Osmanischen Reiches waren auch die Türken auf Zypern mehr mit den Bereichen Verwaltung, Armee und Polizei verbunden. Die Griechen hingegen nahmen sich dem Handel, der Wirtschaft und dem Geldwesen an. Durch die geänderten Parlamentsverhältnisse forderten die Zyperntürken mehr Anteil an den Staatsfinanzen, wodurch sich die Zyperngriechen bedroht fühlten. Die gemeinsame Regierung scheiterte aus diesem Grund und als der zypriotische Staatspräsident Makarios einen 13-Punkte-Plan zur Reformierung der Verfassung vorlegte, in dem die Minderheitenschutzbestimmungen für die Zyperntürken aufgehoben werden sollten, war das Ende des friedlichen türkisch-griechischen Zusammenwirkens eingeleitet.
Am 21. Dezember 1963 eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Ethnien in der Hauptstadt Nikosia. Die Türkei reagierte und schickte Truppen nach Zypern, was ihr die Verträge von Zürich und London als Garantiemacht gestatteten. Die Zyperntürken zogen sich in den Norden zurück und vertrieben dabei die dort ansässigen griechischen Zyprioten. Die zyprischtürkische Geheimorganisation TMT – Türkische Widerstandsorganisation – das Pendant zu der EOKA, nahm den bewaffneten Kampf gegen die Griechen auf der Insel auf und propagierte erneut Taksim.
Die Vermittlungsversuche der USA und auch der Sowjetunion konnten den offenen Konflikt auf der Insel für eine gewisse Zeit unterbinden. Der griechische Nationalismus auf Zypern bekam im Jahr 1967 einen erneuten Auftrieb, als sich das Militär in Griechenland an die Macht putschte, die Enosis mit Zypern anstrebte und die entsprechenden Kräfte auf der Insel unterstützte.
Mit Hilfe der griechischen Militärjunta wurde dann im Juli 1974 ein Putsch auf Zypern inszeniert. Nikos Sampson ließ sich zum neuen Präsidenten der Insel ausrufen. Der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit forderte von der Garantiemacht Großbritannien, in Zypern zu intervenieren und den status qou ante wiederherzustellen. Als sich die britische Regierung weigerte, marschierte die türkische Armee im Norden der Insel ein. Das legitimierte Vorgehen der Türkei als Garantiemacht schlug schnell in eine Eroberung der Insel und der damit verbundenen Vertreibung der im Norden lebenden Griechen um. Die endgültige ethnische Trennung der beiden Gruppen wurde eingeleitet. Zwischen Juli und November 1974 flohen 180.000 Griechen aus dem Norden in den Süden. Die türkische Armee eroberte 40% des Inselterritoriums und legte damit die Grenze fest, die bis in die jüngste Gegenwart noch besteht.
Bei der türkischen Invasion wurden über 6000 Menschen getötet und seit dem werden 1587 griechische Zyprioten vermisst. Unter dem Bruch des Völkerrechts schuf die türkische Regierung in Ankara neue Verhältnisse, so dass der Plan Taksim Realität wurde. Auf Druck der Türkei kam es zu einem vertraglichen Bevölkerungsaustausch, bei dem 45.000 türkische Zyprioten aus dem südlichen Teil in den Norden umzogen. Es verblieben noch 11.000 Griechen auf der Karpasia Halbinsel im Norden unter türkischer Herrschaft. Doch auch diese wurden durch Repressionen vertrieben, so dass es zwei Jahre später nur noch 3631 griechische Zyprioten waren. Die Teilung der Insel und den damit geschaffenen zwei ethnisch „reinen“ Teilstaaten kann nicht ohne den Vergleich des Lausanner Vertrages von 1922 zwischen Griechenland und der Türkei auskommen. Der gewaltsame Austausch zwischen den beiden Nationalstaaten schuf erst die griechisch-türkische „Erbfeindschaft“ und wurde in seiner Konsequenz zur Hypothek für Zypern.
Um die ethnischen Bevölkerungsverhältnisse der Insel für die Zyperntürken im Gegensatz zu den Zyperngriechen auszugleichen, wurden 50.000 Neusiedler aus Anatolien in den Norden der Insel gebracht. Mit der Ausrufung der Türkischen Republik von Nordzypern im Jahr 1983 fand in letzter Konsequenz die ethnische Trennung ihren außenpolitischen Höhepunkt. Obgleich dieser Staat – mit Ausnahme der Türkei – von keinem anderen Staat der Erde anerkannt wurde, war das „Zypern-Problem“ geboren, das bis heute noch nicht gelöst ist.
Von Elias 2009
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